Schlagwort-Archive: Lyrik

freiTEXT | Simone Scharbert

freiTEXT_Illus7-4

MIMOSEN
unsere stirn ein neigen
wir atmen entwegt
nähe also konzentrierte haut
nervenzweige rastern die luft
wir hören spüren wir lauschen
sind staunen sind halt sind
lose nastisches gewebe warten
auf reiz gegebene bewegung
legen schulterblätter sacht
auf falten einander
wehen im arm

Simone Scharbert

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freiTEXT | Jonas Linnebank

freiTEXT_Illus10-4

der baum ist sinnlos
gestorben der stift
ist sinnlos die schrift
sinnlos zerlaufende
tinte auf dem weißen tod

die form ist tot
verbraucht das ich
ist tot der nächste
vers ist tot
sinnlos verbrauchte zei-
len in schwarz
in den tod gesprungen

die melodie ist
zu ende dazwischen
ist leere zeit
der rhythmus ist
verloren ungewiss
tot vielleicht keiner
sucht niemand findet
etwas dahinter
die tür bleibt
verloren ungesucht
verschlossen der sinn
ist tot schlußendlich
vergessen die suche
verloren
vermessen
und tot

Jonas Linnebank

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freiTEXT | Martin Piekar – Teil 3

freiTEXT_Illus9-3

Wolkenformstationen

III

Weißes Blatt nebst grauer Wolke
Ich glaube, ich werde einen Papierflieger losschicken
Wohin ich sehe ist es eine Jahreszeit
Wohin ich sehe ist es grau
Wir sehen heut Abstellgleis aus
Ob das Grau sich auflösen lässt
Ich liege ganz stark auf dem Rücken
Ich liege ganz stark auf feuchter Erde
Der Papierflieger kann ein Loch reißen
Grau kann nur von weißem Papier
Zerklüftet werden. Ich reiße mich
Zusammen und liege ganz stark.
Ich will jetzt nicht aufstehen
Ciemno heißt polnisch dunkel oder finster
Ciemnota ist
Die Beschränktheit. Deckendes Dunkel
Ich fürchte
Auch im Rückwärts-
Oder Krebsgang könnte niemand
Erahnen wo das Himmelgrau anfängt
Oder aufhört. Deckgrau; so unlicht
Der Zustand, wenn man
keinen Schatten wirft
Wenn die Füße letzte Verbindung
Zur Welt sind
Wenn.

Martin Piekar

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freiTEXT | Martin Piekar – Teil 2

freiTEXT_Illus9-2

Wolkenformstationen

II

Kein Passwort erlaubt mir
Hier mehr oder weniger
Wohnen, wie du mich nimmst
An diesen Ort
Der unter anderen Wolken mein Bett war
Covern uns mit Decken
Weil wir das Lied vom Tempel kennen
Er stürzt schon noch ein. Keine Angst
Ein Schaf. Eine Ente. Ein Hase
Weil ich weiß, wie die Kehle verkieselt
Am morgen Schlucken, ein Schotterweg
Da wir erst zu viel tranken und
Dann gemeinsam zu wenig. Als wir schliefen
Wurden wir erst wir
Unter jenen Wolken
Gehaben sich
Kondensstreifen wie Lehren
Wir sind nightlos
Von der himmelweiten Immigration
Von einem Menschen
In den Andern
Als Wanderer raste ich bei dir und
Die Wolke vor unserem Morgen
In den wir starren (werden)
Sieht aus wie deine Fickpalme
In mir ist es willig
Dir endlich zu sagen
Dass deine Fickpalme Poesie ist.

Martin Piekar

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freiTEXT | Martin Piekar – Teil 1

freiTEXT_Illus9-1

Wolkenformstationen

I

Ich habe heute hochgeschaut
Häufig Eigenwarnung: könnte kitschig werden
Aber dort warst du
Du warst natürlich nicht da, aber es war du
Wir beide haben geschrieben, schreiben
Ins Blaue hinein. Du wirst so oft
Vom Himmel aufgelesen
Ich habe nur mein U-Boot-Bewusstsein
In den Wolken. Wo du nichts zurechthämmern
Kannst. Fatal den Formen
Fatal das Formen ausgeliefert
Als ich aufs Erwachsensein hinschrieb: Früher
Heute: fühle ich mich kleiner als
Seit du mir erzähltest
Wenn du in die Wolken
Schaust mit Celan –
Sich selbst regnend
Sich einsehen –
Und nicht nur an deinen Stern denkst
Sondern, dass unter seinem
Deine Dichtung auch mal ruhen darf.

Für Alexandru Bulucz

Martin Piekar

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freiTEXT | Marina Büttner

freiTEXT_Illus7-1

Tschador

Sie setzt sich auf den Platz direkt gegenüber
ganz in schwarz, ich sehe ihr Gesicht, ein junges
Mädchen, trotzig, eigentlich ein Jungengesicht –
wäre sie einer, säße sie breitbeinig.
So fällt ihr schwarzer undurchdringlicher Schleier
lose über den Körper, der schemenhaft bleibt,
behandschuhte Hände tippen unverwandt
Buchstaben – versehentlich berührt ihr Fuß
kurz den meinen – sie schaut erschrocken auf,
ihre Augen sehen traurig aus.

Marina Büttner

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freiTEXT | Daniel Ableev

freiTEXT_Illus7-2

Über die Schallplattenindustrie

Jeder von uns ist ein Limitier. So neigen wir etwa allzu gern dazu, bei passender Gelegenheit dieselbe alte Schallplatte aufzulegen, wobei nicht nur Inhalte, sondern auch konkrete Formulierungen invariabel daherkommen.

Eine meiner Lieblingsschallplatten, die ich gern in so manchem Zusammenhang zum Beschränktesten gebe, ist die Erwähnung und Schilderung jener bemerkenswerten Stelle in „Sin City“ von Robert Rodriguez (ein Stück Filmkunst, das, mit Ausnahme des geringen Substanzgehaltes, so ziemlich vollkommen ist), in welcher der von Elijah Woods gespielte Kevin mit viehischer Geschwindigkeit und -meidigkeit auf den Eindringling Marv reagiert, indem er ohne Zeitverzögerung zum hyperagilen, hinterfotzigen Angriff übergeht. Die Szene ist in ihrer kompromisslosen, präzisen Darstellung von Über- bzw. Unmenschlichkeit geradezu verstörend-pervers.

Eine andere Schallplatte von mir ist die, dass ich selten von einem Film so positiv überrascht war wie von Zack Snyders „Watchmen“. Nach der anschließenden Lektüre des Comics sah ich mich zwar gezwungen, dieser 1:1-Umsetzung mit etwas Skepsis zu begegnen, aber für sich genommen ist das, zusammen mit „Mystery Men“, „Scott Pilgrim“, „Tarntrumer’s Riege“ und der Realfilm-Serie „The Tick“, sicher der originellste Superheldenfilm aller Zeiten.

Im Rahmen einer weiteren filmbezogenen Schallplatte breche ich ganz gern eine ordentliche Lanze für „Terminator 3“, die überraschend gelungene Fortsetzung zu dem Überklassiker von 1991.

Daniel Ableev

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