Schrotflinten im Mühlviertel

Das finstere Tal (c) Filmladen

Letzte Woche begegneten wir Slow West und The Salvation. Neben diesen „richtigen“ Western (die im Wilden Westen spielen) gibt es solche, die ihren Schauplatz in Europa haben, wie der „Red Western“ oder der „Alpenwestern“. Andreas Haider über den Wilden Westen Österreichs und Europas und was das Ganze mit der Universität Salzburg zu tun hat.

In den 1990ern und 2000ern entstanden in Deutschland, Italien und Österreich im Rahmen des „Neuen Heimatfilms“ einige Streifen, die damals entweder von Filmkritikern als Alpenwestern bezeichnet oder von der Filmwirtschaft als solche vermarktet wurden. Diese Alpenwestern waren zumeist nichts anderes, als etwas härtere, realistischere, ungeschönte Heimatfilme, die den Fokus mehr auf das Abenteuer als auf die Bergidylle legten; oft nur mit leichtem Westerntouch in Kameraführung, Schnitt, Ästhetik und Ausstattung. Jäger, Wilderer und Bergsteiger liefen plötzlich im Ledermantel, statt im Trachtenjanker, durch den heimischen Tann. Kehrte man nach dem Gipfelsturm in der Schutzhütte ein, trank man den Zirbenschnaps wie John Wayne seinen Whiskey, und fiel über die Kasnocken her, wie Bud Spencer über einen Bohneneintopf. Und wenn es zur Schießerei zwischen Wilderer und Förster kam, wurde das westernähnlich inszeniert. Das ewige Lied (1997), Krambambuli (1998), Bergkristall – verirrt im Schnee (1999) oder Jennerwein (2003) wurden damals als Alpenwestern beworben. Nur so viel von meiner Seite: schaut euch die Filme an und beurteilt den Westerngehalt selbst.

Die Siebtelbauern (c) Hoanzl

Allerdings brachte das Genre durchaus Filme hervor, die man zu recht AlpenWESTERN nennen kann. Etwa 1945 (1994), mit Konstantin Wecker in der Hauptrolle. In den Wirren der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs nistet sich eine Bande von Desserteuren, Kriegsflüchtlingen und anderen Gestrandeten in einem Bauernhof an der österreichisch-bayrischen Grenze ein und nutzt ihn als Basis für Raubzüge in die Umgebung. Als DER Alpenwestern schlechthin galt lange Zeit (zumindest bis Das Finstere Tal erschien) Die Siebtelbauern (1998). Der von Stefan Ruzowitzky im Mühlviertel gedrehte Film beginnt mit dem Mord an einem tyrannischen Hofbesitzer. Da er ohne Kinder starb, haben sich die Großbauern der Umgebung den Hof und seine Ländereien schon gedanklich unter sich aufgeteilt, doch die Testamentseröffnung birgt eine böse Überraschung: der Verblichene vererbt seinen Besitz an seine Knechte und Mägde. Der damit einhergehende soziale Wandel alarmiert die Großbauern, die ihre Vormachstellung in Gefahr sehen, und so werden im Mühlviertler Hügelland schon bald die Schrotflinten und Parabellumpistolen in Stellung gebracht.

Menschenhatz durch die verschneiten Berge

Den absoluten Höhepunkt des Alpenwestern hat aber Andreas Prochaska mit Das Finstere Tal (2014) geschaffen. Irgendwann in der Zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts taucht in einem Tiroler Bergbauerndorf ein mysteriöser Fremder auf. Er nennt sich Greider, kommt aus den USA und ist Fotograf, der vorgibt, die Alpen auf Bildplatte bannen zu wollen. Willkommen ist er den Dorfbewohnern nicht, und das lassen sie ihn auch spüren. Erst als der Brenner-Bauer, der hier als Dorfältester das Sagen hat und gemeinsam mit seinen Söhnen Dorf und Tal mit harter, brutaler Hand regiert, seinen Segen gibt, darf Greider bleiben. Er kommt bei einer Bäuerin und ihrer Tochter unter. Doch obwohl die Tochter bald heiraten soll, empfinden sie und ihr Bräutigam eher Angst als Freude angesichts des anstehenden Fests (was mich an das Tiroler Sprichwort „Im Unterland sind die Begräbnisse lustiger, als die Hochzeiten im Oberland“ erinnert). Und das ist nicht das einzige Verstörende an diesem Ort.

Greider scheint denn auch weit mehr über das abgelegene Dorf, seine Bewohner, seine barbarischen Gebräuche und dunklen Geheimnisse zu wissen, als er vorgibt. Nachdem zwei Söhne Brenners das Zeitliche gesegnet haben, wird Greider als Urheber der „Unfälle“ identifiziert. Eine Menschenhatz durch die verschneiten Berge beginnt, und genau darauf hat es Greider angelegt. Denn von Anfang an hatte er vor, in diesem Tal nicht nur Fotos zu schießen.

Das finstere Tal (c) Filmladen

Das Finstere Tal ist ein klassischer Rachewestern, allerdings in die Alpen verlegt. Hervorragend die Zeichnung der Charaktere: Greider – gespielt vom Briten Sam Riley – gibt den äußerlich ruhigen, zivilisierten, scheinbar unbeteiligten Beobachter, der hinter dieser biederen Fassade seine Rachepläne schmiedet, während die Brenner-Söhne vom herrischen Hans Brenner (Tobias Moretti) bis zum psychopathischen Edi Brenner (Florian Brückner) eine breite Palette der Niedertracht und Perversion liefern. Und je mehr man als Zuseher hinter die Geheimnisse des Dorfes kommt, desto größer wird das Verständnis für Greiders Rachegelüste. Was Prochaska – der ja mit Filmen wie In drei Tagen bist du tot (2006)oder Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott (2010) schon österreichische Filmgeschichte geschrieben hat, auch hier wieder gut hinbekommt, ist der Einsatz von Dialekten. Greider spricht gutes Deutsch mit sehr englischem Akzent, während die Einheimischen ein auch für Nichttiroler gut verständliches Tirolerisch (das angeblich extra für den Film entwickelt wurde) reden. Damit schafft der Film ein großes Maß an Authentizität. Unterstrichen wird die Handlung durch wunderschöne Landschaftsaufnahmen, Schnee und Eis unterstreichen regelrecht auch die emotionale Kälte der Dorfbewohner.

Tirol: der Wilde Westen Österreichs

Neben dem Alpenwestern hat Österreich aber durchaus auch „richtige“ Western hervorgebracht, meist in deutscher oder italienischer Co-Produktion. Besonders erwähnen möchte ich hier Der letzte Ritt nach Santa Cruz (1963), der als Vorläufer des Italowestern in die Filmgeschichte eingegangen ist. Vieles, was einige Jährchen später typisch für den Spaghettiwestern werden soll (Wechselnde Allianzen, Desillusionierung, Sozialkritik, explizite Brutalitäten, die Location in Mexiko, …) wurde hier vorweg genommen. Und mit Mario Adorf, Sieghardt Rupp, Marianne Koch und nicht zuletzt Klaus Kinski befindet sich im Cast Personal, das auch in späteren Italowestern mit von der Partie sein wird.

Mc Finnen & Wallace

Für die Salzburger Studierendenkulturszene mag vielleicht noch interessant sein, dass der Western McFinnen & Wallace (2008) einer Tiroler Studierenden-Amateurfilmgruppe 2008 den Publikumspreis des film:riss-Festivals (DAS Studierendenfilmfestival Österreichs, das zwischen 2001 und 2010 jährlich an der GESWI der Uni Salzburg stattfand)gewonnen hat. Tirol scheint wohl der Wilde Westen Österreichs zu sein.

Wenn der Western Ausdruck des politischen Systems wird

Kurz erwähnen möchte ich auch noch den „Red Western“. Als solche werden Western bezeichnet, die aus dem kommunistischen Ostblock stammten, und – wenn sie nicht im klassischen Wilden Westen beheimatet sind – in Osteuropa oder dem asiatischen Teil der Sowjetunion spielen. Statt Cowboys gibt’s hier Kosaken, statt Indianern Usbeken, Turkmenen oder andere ethnische Minderheiten der UdSSR, satt Nordstaatlern und Südstaatlern bekämpfen sich die Rote und die Weiße Armee. Natürlich sind die „Guten“ stramme, rechtschaffene Kommunisten, die „Bösen“ je nach Ort und Zeit der Handlung entweder Monarchisten, Konterrevolutionäre oder muslimische Reitervölker, die die Oberherrschaft des kommunistischen, atheistischen Staates über ihre zentralasiatischen Wüsten- und Steppenregionen nicht anerkennen wollen. Großes Vorbild dieser Filme war Die glorreichen Sieben (1960), da dieser, im Gegensatz zu anderen amerikanischen Western, keinen individuellen Helden, sondern – ganz im kommunistischen Sinne – ein Heldenkollektiv in den Kampf gegen das Unrecht schickt. (Die Glorreichen Sieben wurde übrigens vom japanischen Kurosawa-Film Die Sieben Samurai (1954) abgekupfert.)Die sieben Samurai

Vor kurzem entstanden mit dem japanischen Sukiyaki Western Django (2007) und dem südkoreanischen The Good, The Bad And The Weird (2008) auch zwei auch international beachtete asiatische Western. Man ist fast versucht, mit Blick auf Kurosawa, zu sagen, dass der Western sei nach Asien zurückgekehrt). Im Übrigen ist der Begriff Red Western eine Neuschöpfung von Filmhistorikern, die erst nach dem Fall des Eisernen Vorhanges entstand. In den Entstehungsländern wurden sie je nachdem, als Western/Indianerfilm (wenn sie im amerikanischen Westen spielten) oder als „heroische Abenteuerfilme“ (wenn sie in Europa/Zentralasien angesiedelt waren) bezeichnet.

Andreas Haider

Nächste Woche geht es tiefer in die Materie: Was unterscheidet nun den Euro- vom US-Western? Und warum entstehen plötzlich wieder gehäuft Filme eines schon totgesagten Genres?

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kulturszene

Eine Antwort zu “Schrotflinten im Mühlviertel

  1. Wolfgang FIchtner

    Gut recherchiert,esgibt allerdings noch ältere europ. Western mit hans albers.werde auch den nächsten artikel mit grossem interesse lesen, weil ich selbst ein riesiger westernfan bin.

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