Bitte nicht schon wieder ein Krebsbuch/-film

Ein Film kommt ins Kino, der einen Roman zur Basis hat. Kulturredaktionen aller Medien werfen ein Auge auf den Film und ein Auge auf das Buch und kommen zum Fazit: Gut, aber das Buch war besser. Aha. Toll. Wie wärs denn zur Abwechslung mal mit einem Film, der nicht an das Buch rankommt – weil er halt ein Film ist und kein Buch. Kommt Leute: Gruber geht!

Marie Kreutzer kennen manche noch von den Vaterlosen, einem erstaunlich gelungenem Kammerspiel, obwohl der Kommunenfilm eigentlich als abgehakt galt. Nach ihrem zweiten Film Gruber geht! schon von einem persönlichen Stil zu sprechen, wäre zu viel, aber die Nähe der Figuren zum Betrachter fällt besonders auf.

Gruber ist ein Schnösel. Ein arrogantes Arschloch. Ja. Aber wir sind Österreicher und wir mögen das anscheinend. Denn der Roman von Doris Knecht war erstaunlich erfolgreich – und dem Film wird ähnliches wiederfahren. Gruber als eine der beiden Hauptfiguren ist mit dem beliebten Manuel Rubey besetzt und kommt wie auch die zweite Hauptfigur, Sarah alias Bernadette Heerwagen, niederschwellig über die Leinwand. Distanzen gibt es nicht, die Menschlichkeit der Figuren schafft Kreutzer gekonnt zu vermitteln.

Aber:

Rubey wird im Film stärker hervorgehoben als dies der Roman tat – leider wird dadurch die Ebene der großbürgerlichen Wurschtigkeit betont, die Ebene der bösartigen Arroganz vermag er nicht ganz zu vermitteln. Positiv hervorzuheben ist Heerwagen, deren Natürlichkeit die Haupthandlung trägt – einige Nebenfiguren lassen in manchen Szenen leider genau dies vermissen.

Der Krebs (Bitte nicht schon wieder ein Krebsbuch/-film!) ist im Film viel zentraler, trägt aber sinnvollerweise die Handlung viel stärker. Die Verdrängungsmechanismen Grubers im Buch lassen ihn stellenweise zurücktreten, Therapiesequenzen sind nur schnell abgehandelte Nebenhandlungen – damit ist Doris Knechts Text (Gott sei Dank!) kein psychologisches Krebsbuch.

reden wie gedruckt

Kreutzer tut gut daran, den Roman nicht für das Kino übersetzen zu wollen. Dies gelänge ihr aufgrund der Erzählstruktur der Vorlage nicht. Sie schafft es aber, die zugrundeliegende Handlung und die handelnden Charaktere auf eine sehr österreichische – aber dennoch sehr gute – Weise auf die Leindwand zu bringen. Ähnlich wie das Buch hat der Film einen eigenen Stil entwickelt, der parallel zur Vorlage existieren kann.

Als Komödie für die österreichischen Massen konzipiert wird er leider an einigen Stellen zu plakativ und schablonenhaft. Zudem wurden einige Dialoge umgeschrieben. Wer sich also im Kino wundert, warum die „so reden wie gedruckt“, dem sei gesagt: Das sind die geänderten Stellen. Beispiel gefällig?

Der Teaser beginnt mit jener Szene, in der Gruber „die Vogel“ (Sarah) bittet, ihm den Brief des Krankenhauses zu öffnen. „Du hast meine Hose geöffnet, du kannst auch meine Post aufmachen.“ ist eine Reaktion, die zwar zum Film-Gruber passt, aber genau diese Momente des Künstlerischen/Gespielten ausmachen, die der Roman nicht nötig hat. Dort sagt er nämlich einfach nur „Ja. Ich bin sicher. Mach auf.“

Schaumermal

Doris Knecht hat einen Roman vorgelegt, der insbesondere durch diese Natürlichkeit und Nachvollziehbarkeit besticht. Während die Handlung vorangetrieben oder Dialoge direkt zitiert werden schieben sich immer wieder Gedanken der Protagonisten ein. Sarah und Gruber wechseln sich dabei ab, was die wichtige Dualität der Betrachtungsweisen schafft. Jeder auch noch so sinnbefreite oder absurde Geankengang, der sich teilweise über Seiten erstreckt, während die oder der Denkende doch eigentlich gerade im Gespräch sein sollte, sich aber nicht darauf konzentrieren kann, ist dabei schlüssig und erinnert an eigene Gedanken ähnlicher Art.

Weitere Stärken sind die zahlreichen (aber immer nachvollziehbaren) Wortneuschöpfungen – mein Favorit: „Schaumermal-Küssen“ – und die sprunghafte Handlungsentwicklung – gerne werden wichtige Entwicklungen, die sich während der Gedankengänge der Protagonistinnen nur erahnen lassen, im letzten Halbsatz eines Kapitels lässig hingeschmiert. Cliffhanger in geschriebener Form.

Knecht reiht sich mit ihrem Stil ein in eine Reihe „junger“ österreichischer Autorinnen, die im Umfeld von Wortlaut und co. die Prosa auf eine neue Ebene heben: Bewusstseinsstrom 2.0
Aus Salzburger Perspektive erinnert ihr Stil an eine Mischung aus der Lässigkeit von Sarah Eder, deren Debut Herr Leben, die Rechnung bitte! sich locker-flockig wie ein Tagebuch liest, der Kaltschnäuzigkeit von Lisa Viktoria Niederberger und der Stringenz von Birgit Birnbacher.

Als Gruber von seinem Krebs erfährt – die vermutete Diagnose von Sarah ausgesprochen wird:
„Gruber bewegt sich nicht, blinzelt nicht, nichts. Sein Schwanz ist ein kurzer, dicker, rosiger Wurm in einem haarigen Tal. Gruber denkt: Aha. Und: Ja scheiße. Und: Hab ich eh gewusst. Und: Scheisse also.“

Ein ähnliches Schicksal widerfährt der Protagonistin bei winterhart von Birgit Birnbacher (X-Kurzprosa):
„sofort in dem moment, als sie gesagt hat: nix mehr, da ist nichts mehr, das tut mir leid, das war nichts. eben, denk ich, da seh ich´s wieder, und schau auf die seite, weil ich die doktorin nicht anschauen will, und hinaus beim fenster, wo milchig weißgelb die sonne gleich weg geht, obwohl es erst, wie ich auf der uhr an der wand seh, halb vier ist. ist ja november. und eben- denk ich, das ist es, wer an so was denkt anstatt zu trauern, der spinnt ja“

Ich freue mich auf viel neues in dieser Qualität. Der neue Roman von Doris Knecht ist auf jeden Fall Besser. Derweil: Gruber geht! lesen und sehen. Kann man meiner Meinung nach auch in der anderen Reihenfolge machen. Aber wer einmal mit dem Buch begonnen hat, legt es vor dem letzten „Das ignoriert Gruber jetzt einmal.“ nicht mehr weg.

Josef Kirchner

Gruber geht! im Das Kino: Premiere mit Marie Kreuzer und Manuel Rubey am Fr, 30. Jänner, 20:30; 7.-28. Februar täglich.

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